Andau

Tadten

St. Andrä

„Auf der Heide blühen die letzten Rosen“ – aus Kindertagen ist mir dieses Lied des österreichischen Komponisten Robert Stolz im Ohr. Meine Mutter hat es mitgesungen, dabei meist feuchte Augen bekommen. Denn es klingt nach einem Abschied. Das Jahr hat seine Fülle verschenkt: Die Tage werden kürzer, das Licht milder, die Blätter verfärben sich und fallen von den Bäumen. Und irgendwo, zwischen Heidekraut und welkendem Gras, hält eine Rose noch einmal ihr Gesicht der Sonne entgegen. Nicht, weil sie den Herbst aufhalten könnte. Sondern, weil sie blüht.

Darin liegt ein Bild des christlichen Lebens. Auch unser Leben kennt Jahreszeiten. Es gibt Zeiten des Aufbruchs, des Wachsens und der Ernte. Und es gibt Zeiten, in denen Kräfte nachlassen, Vertrautes vergeht und wir spüren, dass nichts auf Erden einfach festgehalten werden kann. Der Herbst muss nicht geleugnet werden, damit wir hoffen dürfen. Christliche Hoffnung ist kein Schönreden des Abschieds. Sie schaut ihm ins Gesicht – und entdeckt dennoch, dass Gott nicht aufgehört hat, Leben zu schenken.

Die letzte Rose ist nicht schöner als die vorherigen, nur weil sie die letzte ist. Vielleicht sehen wir sie gerade aber bewusster und genauer: ihre Farbe, ihren Duft, die zarte Gestalt ihrer Blätter. Was vergänglich ist, kann kostbar sein. Ein guter Tag mit einem lieben Freund, ein treues Wort, eine Hand, die uns gehalten hat, ein Lachen, das ein wenig Helligkeit in den grauen Alltag brachte – all das ist Gabe. Und es darf in Dankbarkeit daran erinnert werden.

Der Glaube verspricht uns nicht, dass wir jeden Verlust vermeiden. Aber er sagt: Der Tod und die Vergänglichkeit sprechen nicht das letzte Wort über unser Leben. Papst Franziskus erinnerte daran, dass Christen Menschen des Frühlings sein sollen: nicht, weil sie den Herbst nicht kennen, sondern weil sie auf Gottes Zukunft vertrauen.

So wird die letzte Rose zu einem kleinen Zeichen gegen die Herbstdepression. Sie behauptet nicht, dass der Winter ausbleibt. Sie kann ihn auch nicht vertreiben. Aber sie sagt uns: Auch jetzt kann etwas blühen. Auch jetzt kann ein Mensch lieben, vergeben, danken, Frieden stiften. Auch jetzt kann ein Wort Hoffnung wecken. Das Reich Gottes wächst oft verborgen und unscheinbar, mitten in einer Welt, in der es auch Dunkelheit und Leid gibt.

Vielleicht ist das die stille Aufgabe des Herbstes: Uns zu lehren, nicht nur loszulassen, sondern auch wahrzunehmen, was bleibt und was weitergegeben werden kann. Die Liebe, die wir empfangen und verschenkt haben, ist nicht vergeblich. Kein Lächeln, keine Träne, kein gelebter Tag ist vor Gott verloren. Wir dürfen unser Leben mit seinen hellen und dunklen Stunden in seine Hände legen – und darauf vertrauen, dass er es vollendet.

„Auf der Heide blühen die letzte Rosen.“ Sie blühen nicht, um den Herbst zu besiegen. Sie blühen, weil Leben noch da ist. Und für den Glaubenden ist selbst das Ende eines Jahres nicht das Ende der Hoffnung. Gott führt durch die Jahreszeiten hindurch. Er lässt uns Abschied nehmen, ohne uns der Zukunft zu berauben. Denn über allem Vergänglichen steht seine Verheißung: Er macht alles neu.

Und auf Herbst und Winter folgen sicher wieder Frühling und Sommer.

Pfarrer Martin Leitner