
Es ist noch nicht lange her, dass Papst Johannes Paul II. bei einem Besuch in Österreich unsere Heimat als „Insel der Seligen“ bezeichnet hat. Zu dieser Zeit (80er /90er Jahre des vorigen Jahrhunderts) schien dies wirklich der Fall zu sein. Trotz der Verwerfungen östlich von Österreich mit den ersten Versuchen einer Demokratisierung nach dem Kommunismus, herrschte nicht nur bei uns, sondern auf dem gesamten Kontinent Ruhe. Die Wirtschaft florierte, die persönliche Zufriedenheit erreichte einen nie gekannten Höhepunkt. Steigender Wohlstand und politische Ruhe bestimmten unser Leben. Diese Zeit konnten wir wahrlich als „Gottesgeschenk“ bezeichnen.
Wenige Jahrzehnte vorher hatten wir erst unsere Freiheit wieder erlangt und waren froh, wieder Herr im eigenen Haus zu sein. Nur ein paar Tage danach kam die erste Prüfung auf uns zu, kam es in Ungarn zu einem Aufstand gegen die regierenden Kommunisten. Ein Ereignis, dessen wir in diesen Tagen gedenken (70 Jahre). Nach Niederschlagung des Aufstandes durch die Sowjets, versuchten viele Ungarn das Land zu verlassen und fanden den einzigen Weg in die Freiheit über Andau. In diesen Herbsttagen des Jahres 1956 glich Andau einem Flüchtlingslager. Es waren mehr Flüchtlinge im Dorf als es überhaupt Einwohner gab. Mit Unterstützung internationaler Organisationen wurde die Andauer Bevölkerung Herr der Lage. Unser Eltern und Großeltern versorgten die Menschen mit Nahrung, viele Häuser wurden für die Flüchtlinge geöffnet – und die kleine Behelfsbrücke über den Einserkanal wurde als „Brücke von Andau“ weltberühmt.
Nach wenigen Tagen versiegte der Flüchtlingsstrom, und in Andau kehrte Ruhe ein. Aber nie wurde diese Zeit der Hilfsbereitschaft aus dem Gedächtnis der Andauer getilgt. Ich glaube, Gott hat dies in die Seele der Andauer eingepflanzt. Heute noch ist die Spendenfreudigkeit der Andauer eine unleugbare Selbstverständlichkeit.
Und jetzt leben wir wieder in einer Zeit, die herausfordernd viel von uns verlangt. Kriege und Krisen, wie wir, die wir noch nie Kriege erlebt haben, nie kannten, bestimmen unser tägliches Leben. Prüfungen, auf die wir leichten Herzens verzichten könnten, müssen wir erleben und verkraften. Umso mehr sollten wir daher dem Wort der Bibel vertrauen, das da sagt: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt“.
Gott stärkt uns in all den Tagen der Prüfungen – er ist nicht nur in guten Tagen mit uns sondern immer – auch dann wenn es uns schlecht geht. Umso mehr sollten wir einander daher als Gemeinschaft unterstützen, zusammenstehen und so auf die Allgemeinheit wirken. Als hilfsbereite, offene Menschen sollten wir leben und somit anderen Hoffnung geben, dass auch sie, wie James Michener in seinem Buch „Die Brücke von Andau“, sagen können: „Ich will es bei einem Satz bewenden lassen: Müsste ich je flüchten, so hoffe ich, dass es nach Österreich sein kann.“
Karl Edwell